Weniger ist mehr – auch im Musical

Nur selten findet man landauf, landab ein Musical, das perfekt zu der vorhandenen Besetzung passt. Alle Kindermusical-Produzenten kennen das: Wir würden ja schon gerne etwas machen – nur was? Besonders bei darstellenden Kindern ist es von besonderer Wichtigkeit, dass sie sich mit der vorgegebenen Szenerie identifizieren können, um sich ganz in einer Rolle verlieren zu können. Neben schmissigen Liedern, einem guten und flüssig geschriebenen Text ist natürlich auch die Bühnengestaltung und die Ausstaffierung der Kinder von unschätzbarem Wert. Der herrmannmusik-verlag bietet eine Reihe kleiner Musicals für den Einsatz in kirchlichen Veranstaltungen (weitere – auch weltliche – sind in Vorbereitung!). Besonders hier gestaltet sich die Szenerie wegen der vorgegebenen Räumlichkeit als besonders schwierig.

Wenn man sich das Spielverhalten von (besonders kleineren) Kindern anschaut, ist man als Erwachsener häufig verblüfft, wie wenig das Spiel braucht. Düdelnde Plastikautos, sprechende (oder noch schlimmer: singende) Bücher oder Roboterplüschtiere sind zwar nett, kurbeln aber die kindliche Fantasie in keinster Weise an. Eine Hand voll Steinchen, ein Holzstöckchen oder altes Laub beflügeln förmlich die Kinderhirne und lassen sie Geschichten erfinden und – ja! – auch erleben. Ich sehe den direkten Vergleich mit der Bühne. Wir brauchen nicht die grössten Kulissen und einen Requisitenfundus, der kaum in einen Achtunddreissigtonner passt – weniger ist hier mehr! Ich erinnere mich noch gut an die Uraufführung von «Engel im Sturm»: Ein hochbegabter Schreiner hat für die Kinder einen hölzernen Kamin gebaut, wie er im 19. Jahrhundert in den Wohnungen der Betuchten zu finden war. Dieser hölzerne Kamin mit künstlichem Feuer stand in der Mitte der Kirche vor dem Altar, daneben noch ein kleines Tannenbäumchen im Topf und ein paar Kissen auf dem Boden, fertig war die Szenerie! Die Kinder waren sofort im Wohnzimmer der Familie, die Besuch von einem havarierten Engel erhält und haben sämtliche vorhandene Gegenstände wie automatisch in ihre Handlungen mit einbezogen – es war grossartig. Selbst das Fenster, das man am Schluss eigentlich bräuchte, damit der Engel wieder davonfliegen kann, bestand nur aus einer gestischen Andeutung und einem Stuhl, von dem aus der Engel dann ins Off hüpfte und nicht mehr zu sehen war. Kindern wie Zuschauern war sonnenklar, dass der Engel vom Fensterbrett aus wieder in die Winternacht fliegt (und nicht einfach nur vom Stuhl springt). Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.

Daher: Lassen Sie den Kindern Ihren Spieltrieb und versteifen Sie sich nicht auf einen grossartigen Kulissenbau. Geben sie ihnen einfache alltägliche Gegenstände an die Hand und lassen Sie sie wirbeln – das wird gut! Geben Sie den Kindern lieber das Gefühl, eine bestimmte Rolle oder eine Person zu sein, als dass Sie sie in glänzende Gewänder hüllen. Nur so kann eine Geschichte auch wirklich glaubwürdig erzählt und «rübergebracht» werden. Wir alle haben schon die überfrachteten Bühnenbilder erlebt, in denen Kinder ganz verloren stehen und nicht wissen, was sie nun alles tun sollen. Geben Sie sich einen Ruck! Weniger ist mehr. Ich freue mich auf Ihre Erlebnisberichte!

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