Vom Geheimnis einer gelungenen Chorprobe

Alle in diesem Artikel vorkommenden männlichen Formen (z. B. “Sänger” oder “Chorleiter” o.ä.) schliessen auch die weibliche Form mit ein.

Eigentlich sollte es ihn geben, den Chorleiter-TÜV. Alle paar Jahre mal eine Überprüfung wäre doch sicherlich sinnvoll. Kein Funktionstest natürlich, eher eine Bestandsaufnahme hinsichtlich der didaktischen und methodischen Werkzeuge, die in den Chorproben landauf, landab zum Einsatz kommen. Oder haben Sie sich letztens schon einmal gefragt, ob die von Ihnen geleiteten Proben auch wirklich Spaß machen?
Zugegeben, eine Chorprobe ist kein Kindergeburtstag. Die Konzertvorbereitung keine Spaßveranstaltung. Trotz alledem haben Sie als Chorleiterin oder Chorleiter schon die halbe Miete eingefahren, wenn Sie vor einer motivierten und eingeschworenen Truppe von Sängerinnen und Sänger stehen, die es auch privat gut miteinander haben. Ja, aber was soll man als Chorleiterin und Chorleiter noch alles machen, neben dem mühsamen Geschäfts des Notenpaukens? Es geht sicherlich nicht um zusätzliche Aufgaben, die eine Chorleiterin oder ein Chorleiter übernehmen muss. Es zeigt sich schon eine schnell spürbare Veränderung, wenn man sein eigenes Verhalten als Dirigentin oder Dirigent auf den Prüfstand stellt. Probieren Sie es doch einfach mal aus und rütteln Sie an Ihren eigenen Grundfesten – ich bin gespannt! Hier meine zehn goldenen Thesen, die die „gelungene Chorprobe“ garantieren:

01. Wir alle wollen unterhalten werden
Kennen Sie das dumpfe Gefühl vor dem Fernseher, wenn man einfach mal „nur“ unterhalten werden will? Man zappt sich durch die 450 Fernsehkanäle und bleibt mal hier, mal dort hängen. Aber wo am ehesten? Dort, wo es was zu erleben gibt – Spannung, hochstehende Unterhaltung, Lacher. Genauso verhält es sich mit Ihren Sängerinnen und Sängern. Auch die wollen unterhalten werden, die meisten kommen abends nach einem langen Arbeitstag in die Chorprobe – da will keiner eine langwierige Doku über das Leben eines Komponisten sehen, sondern alle wollen unterhalten werden. Angesprochen und mitgenommen werden, gepackt, gefesselt, belustigt. Daher: Mindestens drei Mal sollten Ihre Sängerinnen und Sänger in einer Chorprobe lachen können. Sei es durch eine geplante und geschickt platzierte Pointe oder durch Situationskomik. Versetzen Sie sich doch mal in diejenigen, die vor Ihnen stehen oder sitzen – nichts ist schöner, als auf dem Heimweg nochmal mit einem Lächeln über die vergangene Probe nachzudenken.

02. Wir alle wollen angesprochen werden
Immer wieder erlebe ich in Chorproben, dass Chorleiterinnen und Chorleiter nicht mal die Namen ihrer Sängerinnen und Sänger kennen. So produziert man als Dirigentin oder Dirigent „Stimmvieh“, einen Chor, der das Gefühl hat, nur die ausführende Marionette eines allwissenden Chorleiters zu sein. Das ist heute nicht mehr zeitgemäß. Versuchen Sie, möglichst, die Leute mit dem Namen anzusprechen, so fühlt man sich „gesehen“ und dadurch auch wertgeschätzt und im Chor gebraucht – die Motivationsspritze Nummer 1!

03. Wir alle wollen besser werden
Trotz aller Unterhaltung: Wir alle wollen ja auch ein passables Endergebnis abliefern und unsere eigenen Skills ständig verbessern. Mit Motivation lernen wir alle besser. Als Chorleiterin oder Chorleiter ist es daher besonders wichtig, seinen Sängern ein (erreichbares) Ziel vorzugeben und sie auf dem Weg dorthin motivierend zu begleiten. Die despotischen Chorleiter, die noch unsere Eltern in den Chorproben zusammengefaltet haben (es gibt sie immer noch!), machen heute keinen Stich mehr. Wichtig: Wenigstens eine Sache, einen Zusammenhang sollten Ihre Sängerinnen und Sänger gelernt haben, wenn die Probe zu Ende ist, und ist es nur etwas ganz Kleines!

04. Wir alle wollen Teil des Projekts sein

Schon Kinder machen es uns vor: Wir Menschen sind nun mal Herdentiere und fühlen uns unter unseresgleichen am wohlsten. Unterschätzen Sie als Chorleiter nicht den Sozialaspekt Ihrer Singgemeinschaft! Nur, wenn sich die Chormitglieder untereinander gut verstehen, kann aus den Einzelnen auch das „große Ganze“ werden. Die Verbindungen unter den Sängerinnen und Sänger stellen den Kitt dar, der einen Chor zusammenhält. Geben Sie also den gesellschaftlichen Teilen der Chorprobe einen Stellenwert und feiern sie auch mal mit – nur so haben Sie das Ohr am Geschehen!
Besonders auch in organisatorischen Dingen können Sie die Talente Ihrer Chormitglieder wunderbar mit einfließen lassen, umso besser wird das Gefühl der Einzelnen, ein (wichtiger) Teil eines Projektes zu sein.

06. Wir alle sind Menschen
Nicht immer klappt es reibungslos, wenn Menschen sich begegnen. Nicht immer gelingt mir als Chorleiterin oder Chorleiter die perfekte Bilderbuch-Chorprobe. Manchmal ist einfach Sand im Getriebe, im Chor, in einzelnen Stimmen, beim Chorleiter privat. Gehen Sie damit großzügig um und nehmen Sie sich selbst nicht zu ernst. Auch wenn die Stimmung in der Probe aus irgendwelchen Gründen mies wird, lassen Sie die Vorhaben beiseite und kümmern Sie sich um das im Raum stehende Problem! Selbst, wenn dem Chorleiter einmal ein Fehler passieren sollte – über sich selbst lachen können ist immer noch die beste Verteidigung!

07. Wir alle wollen Zuverlässigkeit
Halten Sie sich unbedingt an Absprachen zwischen dem Chor und Ihnen als Chorleiter. Das bedeutet nicht, dass Sie alles basisdemokratisch von jedem Sänger mitentscheiden lassen sollen, aber Wort ist Wort – und das muss gehalten werden. Halten Sie sich an Zeitgefäße (Probenlänge nicht unnötig verlängern, dafür pünktlich beginnen), sprechen Sie mit Ihren Sängern. Mir kommt in diesem Zusammenhang immer mein ehemaliger Zahnarzt in den Sinn: Jedes Mal, wenn ich bei ihm auf dem Behandlungsstuhl saß, kontrollierte er den Zahnstatus, seufzte und begann zu bohren. Ich wusste nie, was sein Plan war, was es zu reparieren gab und was auf mich zukam. Das ist ein überaus unangenehmes Gefühl (ich habe mittlerweile einen neuen Zahnarzt).
Also: Transparent sein, die eigenen Pläne und Vorhaben ankündigen, nicht alles diskutieren lassen und die Sänger ins Bild setzen. Das schafft eine vertrauensvolle Nähe, die wichtig für eine Singgemeinschaft ist und stärkt ihre Position als vorangehender Dirigent, der sich um seine Sänger kümmert.

08. Wir alle lieben Ordnung (auch wenn wir es nicht alle wahrhaben wollen)
Auch wenn uns oftmals schwerfällt: Aber Ordnung ist eben doch das halbe Leben. Das gilt auch für Chorleiter. Natürlich müssen Sie nicht alle anstehenden Aufgaben selbst bewältigen, dazu gibt es ja in der Regel ein Gremium, das dem Dirigenten zur Seite steht. Aber irgendwo müssen die Fäden zusammenlaufen, am besten an der Schnittstelle zwischen Musik und Rahmenprogramm – und das ist in der Regel beim Chorleiter, der in der Regel auch eine Vision von einer Aufführung (und deren Rahmen) hat. Also: Rechtzeitig kommunizieren, Aufgaben verteilen, Ergebnisse in einem bestimmten Zeitrahmen einfordern und evaluieren.
Diese Ordnung betrifft auch die musikalische Ausrichtung eines Chores. Das Programm muss langfristig geplant und auf den Chor maßgeschneidert werden, so kann daraus auch etwas werden.

09. Wir alle sollten kritikfähig sein und Kritik richtig austeilen
Zur Offenheit und Transparenz (siehe 07.) gehören natürlich auch die unangenehmen Seiten. Nicht immer scheint die Sonne über dem Chor oder dem Dirigentenpult, es gibt auch Dinge, die nicht so rund laufen. Umso wichtiger, die Dinge beim Namen nennen. Als Chorleiter sagen Sie Ihren Sängern ja auch, was Ihnen nicht passt. Das muss aber auch bei den anderen Dingen im Chor möglich sein. Störendes immer gleich ansprechen, damit daraus nicht ein Riesenproblem wird. Dabei ist wichtig, den richtigen Ton zu treffen – das hat aber auch immer etwas mit Charakter zu tun.
Sie müssen aber auch damit rechnen, dass einmal an Ihnen Kritik geübt wird. Hören Sie sich in Ruhe an, was man Ihnen sagt und reagieren Sie angemessen. Auch als Chorleiter ist man nicht unfehlbar, vielleicht öffnet Ihnen eine solche Kritik ja auch ein wenig die Augen. Konstruktive Kritik ist schließlich immer noch besser als jede daher gesagte Lobhudelei.

10. Wir alle wollen Ehrlichkeit
Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit klingen immer nach ritterlichen Tugenden, die nicht mehr ganz so zeitgemäß sind. Dabei sind gerade Sie die Grundlage einer gelungenen Beziehung – auch der Beziehung zwischen Chorleiter und Chor. Und selbst wenn die Beziehung zwischen Chor und Leiter nicht mehr funktioniert oder zerrüttet ist: Bleiben Sie ehrlich und beenden Sie sie.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

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