Die Pandemie ist nicht das Problem

Eiskalt hat sie uns erwischt, die Pandemie, die seit nunmehr 15 Monaten unser Land in ihrem eisernen Griff hält. Unser Privatleben wurde umgekrempelt, die Familien auf den Kopf gestellt, der Beruf ist nicht mehr der, den wir vorher hatten. Ebenso traf es Sportler, Künstler, Gastronomen, kleine Unternehmen, eigentlich so ziemlich alle. Davon natürlich nicht ausgenommen sind die Vereine, besonders die Chöre. Schnell war im vergangenen Jahr klar, dass die Proben erst einmal eingestellt werden müssen. Ein Phänomen, das für eine funktionierende Singgemeinschaft eigentlich kein größeres Problem darstellt. Man trifft sich einfach wieder, beginnt dort, wo man aufgehört hat oder startet ein neues Projekt, und weiter geht’s im Fahrplan.
Doch im Sommer 2021 ist alles anders. Die Pandemie hat unsere Gesellschaft und jeden einzelnen von uns derartig verändert, dass es uns mittlerweile schwer fällt, die heimische Komfortzone zu verlassen. Viel zu schnell haben wir uns daran gewöhnt, den Abend auf dem Sofa zu verbringen. Wir haben so ziemlich jede Kiste im Haus ausgemistet und finden immer noch Dinge, die wir “schon immer einmal machen wollten”. Dadurch, dass unsere sozialen Kontakte staatlich beaufsichtigt eingedampft wurden, ist aus unseren Köpfen in Windeseile das Vereinsleben verschwunden.
Doch es scheint ein Hoffnungsschimmer am Horizont: Die Zahlen gehen runter, und der gesamten Gesellschaft wird versprochen, dass die sozialen Kontakte in den nächsten Wochen wieder verstärkt wahrgenommen werden können. Kontaktarmer Sport ist wieder erlaubt, von Gesang ist noch immer keine Rede. Doch auch das wird wieder kommen.
Die Frage, die sich nun viel Chorleiterinnen und Chorleiter stellen: Wie kriege ich meinen Chor wieder zusammen? Viele Chorsängerinnen und Chorsänger haben Sorge, dass Singen in Gruppen generell ungesund ist (im Gegenteil!), andere sind so fest mit dem Sofa verwachsen, dass sie keine Motivation verspüren, abends wieder das Haus zu verlassen. Wieder andere haben sich während der Pandemie ein neues Hobby zugelegt, das auch ohne andere Menschen funktioniert. Das Ergebnis: Viele Vereine sind zusammen geschrumpft, einige sind schon gar nicht mehr singfähig und müssen sich auflösen. Das kann doch nicht sein – wir verlieren dadurch etwas elementar Wichtiges, ein kleines Stückchen unserer Kultur und Tradition! Es wird Zeit, zum Aufbruch zu blasen, liebe Dirigentinnen und Dirigenten, liebe Vorstandsmitglieder! An die Arbeit! Hier sind ein paar Vorschläge für einen guten Start nach der Pandemie:

01. Bringen Sie sich und Ihren Chor wieder in das Bewusstsein Ihrer Mitglieder
Beginnen Sie damit, die Leute an die Vor-Corona-Zeiten zu erinnern. Vielleicht hatten Sie gerade ein Projekt geplant, das dann abgesagt werden musste. Vielleicht wäre ein gesellschaftliches Event angestanden, das leider nicht mehr stattfinden konnte. All das kann bald wieder nachgeholt werden. Die Sängerinnen und Sänger müssen Lust verspüren, sich bald wieder mit anderen zu treffen. Basteln Sie doch einen einfachen E-Mail-Newsletter, der jede Woche mit einem Foto aus vergangenen Zeiten die Sänger “anfüttert”. Schicken Sie kleine Aufnahmeschnipsel vom letzten Chorkonzert. Sobald der erste Probentermin wieder feststeht, erstellen Sie auf der Vereinshomepage einen Countdown, der die Zeit bis zur ersten Probe anzeigt. Verschicken Sie Videogrussbotschaften und erzählen Sie Ihren Chormitgliedern, wie es Ihnen in der vergangenen Zeit ergangen ist (genau, wie die Bundeskanzlerin!). Die soziale Verbundenheit unter den Mitgliedern ist der Kitt, der Ihre Singgemeinschaft zusammenhält.

02. Sie haben Pläne gemacht? Dann erzählen Sie davon!
Motivation ist der Booster unter den Chormitgliedern, quasi eine psychische Vitaminspritze. Nur, wenn Sie Ihre Sängerinnen und Sänger für Ihre (neuen) Pläne begeistern können, dann wollen sie wieder Teil des Projektes sein. Also – getreu dem Motto: Tun sie nicht nur Gutes, erzählen Sie davon – halten Sie Ihre Sänger auf dem Laufenden und erzählen Sie in den buntesten Farben, wie Ihr Chor wieder aufblühen wird, wenn alle erst mal durchgeimpft sind!

03. Mitglieder weg? Zeit für etwas Neues!
Geben Sie Ihren Chorsängerinnen und Chorsänger doch mal Hausaufgaben, damit sich jede/r einzelne wieder mit dem Thema Singen beschäftigt. Dies kann durch einen kleinen Online-Stimmbildungskurs geschehen oder durch die Aufgabe, dass endlich mal alle Notenlesen lernen (der herrmannmusik-verlag hat hierfür ein tolles Angebot, das auch in Pandemiezeiten funktioniert!). Eine simple, aber effektive Hausaufgabe kann auch sein: Jedes Chormitglied ruft in den kommenden vier Wochen zehn chorferne Menschen an und versucht, die Menschen für das Chorsingen zu begeistern.

04. Reset nach der Pandemie
Vielleicht ist jetzt aber auch ein guter Zeitpunkt, einen Reset für Ihren Chor einzuleiten. Überlegen Sie mal bei einer Tasse Kaffee: Was hat Sie als Leiterin oder Leiter eines Chores schon immer genervt? Was könnte man ändern? Fertigen Sie eine Liste an, auf der alle Ihre Punkte mit Prioritäten versehen sind. Arbeiten Sie diese Punkte ab, indem Sie entweder inhaltlich eine Neuausrichtung wagen (die natürlich gut geplant sein muss) oder aber indem Sie mit Menschen ins Gespräch kommen, die Ihnen für die Durchführung Ihrer Änderungswünsche wichtig erscheinen. Vielleicht braucht Ihr Chor mal ein neues Image? Geben Sie ihm einen peppigen Namen und sorgen Sie für ein junges und frisches Programm. Braucht Ihr Chor neue Mitglieder? Alleine schaffen Sie das nicht, lassen Sie sich von Ihren Chormitgliedern helfen!

Genießen Sie die Aufbruchstimmung, die gerade wieder durch unser Land weht – es geht voran! Ich freue mich über Ihre Kommentare!

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